Ein Kongress für Kita- und Schulverpflegung zieht ein alarmierendes Fazit: In punkto Übergewicht nimmt Deutschland mittlerweile den Spitzenplatz in Europa ein. Die Anzahl der fettleibigen Kinder hat sich binnen zwei Jahrzehnten fast verdreifacht. Schlechte Essgewohnheiten bremsen zudem die körperliche und geistige Entwicklung.
Mehr als 70 Milliarden Euro muss das deutsche Gesundheitswesen jährlich für die medizinischen Folgen von falscher Ernährung aufwenden. Fast jeder Zweite hierzulande ist übergewichtig, darunter mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche – 15 Prozent aller Mädchen und Jungen. Rund 1,4 Millionen Heranwachsende zeigen Symptome einer Essstörung. Diese und weitere alarmierende Zahlen und Fakten waren Gegenstand der Diskussion auf dem 4. Kongress für KiTa- & Schulverpflegung, der am 9. November 2009 auf der Leipziger GÄSTE-Messe ausgerichtet wurde.
Im Beisein von Julia Klöckner, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, und Sachsens Sozialministerin Christine Clauß berieten im Congress Center Leipzig (CCL) rund 350 Pädagogen, Ernährungsexperten, Caterer, Lebensmittelproduzenten und engagierte Eltern über ein Thema, das bundesweit noch zu sehr von negativen Beispielen lebt. Denn schlechte Ess- und Ernährungsgewohnheiten würden den Kindern frühzeitig vermittelt und ließen sich später nur schwer korrigieren, so ein Tenor der Tagung.
Im Gegensatz zu anderen Ländern wie etwa Italien, wo die Schulverpflegung über staatliche Ämter einheitlich geregelt und bezuschusst wird, muss ein deutscher Anbieter in der Regel mit Portionspreisen zwischen 1,50 und maximal 4 Euro kalkulieren.
Das erfordere von den Caterern einigen Idealismus, denn Maximalprofit lasse sich damit nicht gewinnen, erklärte Dr. Harald Hoppe aus Kassel. Der Chef eines auf Biokost für Schulmensen spezialisierten Catering-Unternehmens verwies ebenfalls auf die schweren Schädigungen, die falsche Essgewohnheiten für Heranwachsende nach sich ziehen können. So wären 50 Prozent aller Depressionen nachweislich ernährungsbedingt.
Auch das Denk- und Konzentrationsvermögen von Schulkindern hänge maßgeblich von Aufbereitung und Zusammensetzung der Mahlzeiten ab, so Hoppe. Dringend plädierte er beispielsweise für reichlich und regelmäßig Wurzelgemüse, Seefisch, Lein- und Olivenöl sowie aminosäurehaltige Kost - darunter auch Fleisch, Ei und Milch – für junge Menschen, die sich noch in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung befinden.
Er berichtete, dass er in einem Test für eine TV-Wissenssendung allein durch vorteilhafte Ernährung seiner jungen Probanden deren Gedächtnisleistung um 139 Prozent gegenüber einer anderen Gruppe Schüler gesteigert hatte, die lediglich Fast Food verzehrt hatte.
Trauriger Spitzenplatz für Deutschland
Auch Dr. Georg Eysel-Zahl, Geschäftsführender Vorstand der Sarah Wiener Stiftung „Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen“, verwies in der Arbeitsgruppe KiTa-Verpflegung auf traurige Fakten. So lief Deutschland in Sachen Übergewichtigkeit Großbritannien mittlerweile den Spitzenplatz in Europa ab. Allein bei Kindern und Jugendlichen wäre in den letzten zwei Jahrzehnten der Anteil Übergewichtiger um rund 50 Prozent gestiegen. Die Anzahl so genannter fettleibiger Kinder und Jugendlicher habe sich in jenem Zeitraum sogar fast verdreifacht.
Wesentliche Gründe dafür lägen in den Elternhäusern begründet, so der Experte. In immer weniger Familien werde gemeinsam gegessen, geschweige denn frisch gekocht. Zahlreiche Haushalte besäßen nicht einmal mehr eine klassische Küche, sondern nur noch eine Mikrowelle zum Aufwärmen von Fast Food und industrieller Fertignahrung. Damit nehme die Zahl Heranwachsender, die zu Hause ungesunde Essgewohnheiten erleben, erschreckend zu.
Die Stiftung, die von der Wiener Starköchin Sarah Wiener gegründet wurde, betreue deshalb gegenwärtig gemeinsam mit dem Bundesfamilienministerium ein Pilotprojekt, bei dem in bundesweit 80 Kindertagesstätten Kurse zur gesunden Ernährung und frühkindlichen Bildung durchgeführt werden.
Angesichts der bedenklichen Essgewohnheiten in vielen Familien plädierte Dr. Eysel-Zahl für Kochunterricht an Schulen. Dort müssten die Kinder lernen, Lebensmittel wertzuschätzen und Gutes zu genießen - vor allem heimische Produkte aus biologischem Anbau.
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(Quelle: welt.de)